Wed, 13 Oct | BILDRAUM 01

SILENT RIVER Lesung und Buchpräsentation

Lesung von Dimitre Dinev, Schriftsteller
Registration is Closed
SILENT RIVER Lesung  und Buchpräsentation

Time & Location

13 Oct, 19:00
BILDRAUM 01 , Strauchgasse 2, 1010 Vienna, Austria

About the Event

Ohne Viktoria

Text von Dimitre Dinev 

Sie geht an Sträuchern vorbei, an denen ihr Gewand nicht mehr hängen bleibt, die nicht mehr kratzen, nicht mehr an ihr Blut wollen, so wie sie es oft in der Kindheit getan haben, manchmal knistert, raschelt etwas unter ihren Füßen, trockene Blätter, Zweige, Reisig, sonst ist das Laub weich und feucht und riecht nach Vergehen und Werden, nach allem, was nicht mehr das ist, was es war, und noch nicht das, was es werden wird, sie könnte alles verkürzen, direkt durchs Gebüsch laufen, im Nu dort ankommen, wohin sie will, aber die alten Gewohnheiten sind noch stark, sind Teil ihrer selbst, ihrer Identität, deswegen folgt sie den alten Wegen, sie geht die Allee entlang, an dem Fluss vorbei, den sie ein Leben lang kennt, vorbei an vergessenen Booten, die am Ufer verfallen und nicht mehr wissen, wofür sie einmal erschaffen worden sind, ob als Spiel für Kinder oder um einem ewigen Strom zu trotzen, statt dass das Wasser sie trägt, wächst jetzt Gras unter ihnen, seine Farbe ist unlängst kupfern geworden wie manchmal der Fluss bei Sonnenuntergang, sie biegt Richtung Stadt ab, zieht durch die Gassen, Wäsche flattert an den Leinen auf den Plätzen zwischen den Plattenbauten, verbreitet den Duft unechten Frühlings, an rostigen Türen hängen verwitterte Plakate von Politikern und Pop-Folk-Divas, die einem alles versprechen außer Wahrhaftigkeit, streunende Hunde bellen sie an, streunende Katzen grüßen sie voller Vertrauen, sie besucht alle Menschen, die sie liebt, und alle Orte, an denen sie jemals gewesen ist, 40 Tage lang dauert es, 40 Tage bleibt die Seele der Verstorbenen auf Erden, um, wie man in Bulgarien glaubt, ihre Schritte zu sammeln, damit sie nicht mehr auf der Erde hallen und jemanden erschrecken, und dann, nachdem die Tage verstrichen sind, muss sie durch ein ödes, dunkles Feld voll Dornen, die an ihr Blut wollen, bevor sie wieder an dem Ufer jenes Flusses ankommt, dem ersten, dem letzten, dem  Fluss, den sie ein Leben lang schon kennt und in den man nicht zweimal steigen kann, und dann setzt sie über und überlässt die Welt uns, unseren Augen, unseren Tränen, denn sie ist nicht mehr die ihre.

Dass die Seele eine Wanderschaft unternimmt, bevor sie ins Jenseits zieht, gehört zu den wenigen Dingen, an die die Bulgaren glauben. Deswegen ist man bereit alles Notwendige zu unternehmen, damit die Seelen auch Ruhe finden. Man fühlt sich den Toten mehr verpflichtet als den Lebenden, denn da herrschen seit Jahrhunderten klare Regeln und Ordnung. Ansonsten haben die Bulgaren ihren Glauben an so gut wie alles verloren, an den Staat, an die Institutionen, an die Europäische Union, daran, dass sich die Lage jemals bessert, vor allem aber an die Gerechtigkeit. Verschwindet jedoch der Glaube an die Gerechtigkeit, zerbricht auch die Gesellschaft. Aber zurück zum Ufer, zum Fluss, der uns alle erwartet, zu jener Zeit, die nicht fließt, weil sie kein Ding ist sondern Dauer, eine Dauer, in der jeder Augenblick von Vergangenheit trieft...

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